Mai 29, 2024

Wir schreiben den 25. September im Jahres des Herrn 2023. Um 06:53 – und somit sieben Minuten vor Weckerklingeln – bin ich nach nur fünf Stunden und dreiundzwanzig Minuten bombenwach. Die tröpfelnde Dusche im ICC Gästehaus in Mbalizi schenke ich mir und schlüpfe in die dreckigen und durchgeschwitzten Klamotten, die auch an Tag drei dieser Mission meinen von afrikanischer Sonne gebräunten Körper bedecken. Riecht ein wenig im Raum, könnte aber auch besagter Körper sein, wir wissen es nicht. Blick in den Spiegel: Ich seh scheiße aus!

Macht nichts, Landy und Fahrer wollen wiedervereint werden. Zwei kurze Instant-Kaffee im Restaurant – geht aufs Haus – und ab geht’s mit einem TukTuk zum „Mission Workshop“ in Mbalizi. Links neben mir im TukTuk sitzt ein schlanker, afrikanischer Traumkörper mit einem aus einer Männerphantasie entsprungenem Dekolleté. Verrückter Morgen. Aber welcher Mann hat schon Augen für die holde Weiblichkeit, wenn ein notleidender 8-Zylinder Bolide auf Ihn wartet. Man(n) muss Prioritäten setzen, wenigstens heute morgen einmal.

Reparieren oder nicht reparieren. Das ist hier die Frage

Boniface ist mit dem Truck schon am Workshop und rangiert an eine Rampe heran. Oder sowas wie eine Rampe. Erinnerungen an gestern kommen hoch. Da ging es beim Aufladen ca. 10 Zentimeter runter auf den Trailer, kein Problem bei meiner Bodenfreiheit. Diesmal geht es vom Truck in etwa 40-50 Zentimeter runter. Das ist ein Problem. Es heißt also wiedereinmal: Rampe bauen. Die Azubis schleppen Bretter, einen alten Tisch (!) und zwei Metallgitter an. Nach lauter Diskussion einigt man sich auf eine Konstruktion. Diese wird noch mit ein paar mittleren Steinen gestützt, beziehungsweise unterstützt. Das sieht nicht schlecht aus, weise jedoch trotzdem sicherheitshalber darauf hin, das da gleich 2,5 Tonnen britischer Ingenieurskunst rückwärts vom Truck geschoben werden: „Gari ni mbili na nusu tons!“. Jaja, passt schon. Das meiste Gewicht ist übrigens auf der Hinterachse. Nur mal so als freundlicher Sicherheitshinweis. Aha, hamna shida, kein Problem, das hält. Gut, legen wir los. Mit viel Mühe schiebt man mich ans Ende des Trucks. Anhalten. Nachjustieren. Nochmal kontrollieren. Leicht nach rechts, passt. Auf geht’s. Ich rolle an den Rand, rolle mit dem rechten Reifen aufs Brett, links sind die Metallgitter, rolle weiter, bin mit dem Reifen halb auf dem Brett, rolle weiter … PENG! Der zugegebenermaßen stabil aussehende, auf der Seite liegende Tisch, der der Unterstützung diente, ist ganz dezent in Einzelteile zerbröselt. Und der Landy rund 15 Zentimeter nach unten gesackt. Der Auspuff hat den Boden des Trailers knapp verfehlt, zwischen Rahmen und Trailer passt noch ein Blatt Papier. Vielleicht zwei. Läuft doch, hakuna matata! Nix passiert. Die Jungs bauen die Rampe neu auf, diesmal mit dicken Steinen die schwere Bretter unterstützen. Im zweiten Anlauf rollt der Landy nun vom Truck. Mit der Unterstützung von circa 20 Kids aus der Missionsschule wird der Wagen dann die 30 Meter in den Workshop geschoben.

Dann Bestandsaufnahme mit Elifuraha. Cooler Name, den „Eli“ heißt auf Hebräisch „Gott“ und „Kufuraha“ ist Kisuaheli für „Glücklich“. Mein Ansprechpartner ist also ein glücklicher Gott. Sehr schön, hoffe er macht auch mich glücklich. Wir sprechen alles durch, die Thematik ist klar. Wir finden auch recht schnell ein Getriebe in Mbeya, etwas teurer wie das in Arusha, aber sofort verfügbar und ich kaufe nicht die Katze im Sack. Dann mit dem TukTuk – diesmal ohne afrikanische Schönheit – auf zu Pauly in Mbeya, wo ich die nächsten Tage wohnen werde. Nachmittags drehe ich mal eine kleine Runde durch die „Innenstadt“, finde die beste Pizza, die ich jemals in Tansania hatte (in der Mikrowelle warm gemacht, aber dennoch) und genieße nach 1,5 Jahren im Land meinen ersten echten Cappuccino im Garten des „Maua Cafe“. So lässt es sich aushalten.

Zwischendurch meldet sich Elifuraha, es hat wohl doch die Computerbox getroffen, er macht sich auf die Suche nach einer neuen. Klingt zuversichtlich, bedeutet aber nichts. Also heißt es abwarten und entspannen.

Abwarten. Tee trinken.

Dienstag, 26. September: Tag zwei in Mbeya. Nach erholsamem Schlaf, Kaffee und zwei von Pauly`s hervorragenden Sandwiches kann der Tag beginnen. Es wird ein etwas fauler Tag, von meinem glücklichen Gott höre ich nichts. Immer ein schlechtes Zeichen.

Mittwoch, 27. September. Immer noch keine Nachricht. Dann meldet sich mein „Gearbox Mann“ aus Arusha. Er hat bereits gestern mit Elifuraha gesprochen, und angeboten das Ersatzteil sofort zu verschicken, es hieß dann aber „nicht nötig, wir haben es in Mbeya gefunden“. Aha, warum weiß ich davon nichts? Gut, danke vielmals für die Info. Nächster Anruf: Werkstatt. Ja, das Teil ist in Mbeya verfügbar, ob ich das kaufe oder die Werkstatt? Letzteres natürlich, dann einfach auf die Rechnung setzen. Okay, muss mit dem Büro geklärt werden, die sind gewohnt langsam, vielleicht auch wenig begeistert, wer weiß. Und so verliere ich einen weiteren Tag. Prima!

Donnerstag, 28. September. Hurra, es ist Feiertag in Tansania. Somit Tag drei an dem der Landy dumm in der Gegend rumsteht.

Freitag, 29. September. Immer noch keine Info, also mache ich mich auf zur Werkstatt. Irgendwo in Mbeya soll auch ein großer Schrottplatz sein, vielleicht finde ich da ein paar Ersatzteile. Aber erstmal geht’s nach Mbalizi, um zu schauen, was jetzt los ist. Los ist nichts. Also fast nichts. Die Steuereinheit soll heute im Laufe des Tages ankommen, die kommt nämlich aus … Tataaa: Dar es Salaam. Okay, wir erinnern uns, das Teil wurde am Dienstag in Mbeya ausfindig gemacht. Hieß es. Warum kommt das jetzt aus Dar? Und warum organisiert man das dann nicht am Dienstag aus Arusha, wäre am Mittwoch hier gewesen und hätte verbaut werden können. Ich verstehe es einfach nicht. Wäre doch so einfach gewesen zu sagen „Du, Thomas, gibts hier doch nicht, ich bestelle das in Arusha“. Aber nein, dann lieber Geschichten erzählen. Regt mich noch nicht mal auf, aber ist enttäuschend. Zudem möchte man mir dann im „Mission Workshop Mbalizi“ das Computerteil, was 600.000 Schilling kostet, für 980.000 Schilling verkaufen. Weil man Garantie darauf gibt. Ihr seit doch alle nicht ganz dicht! Es gibt so Momente, in denen es mir echt schwer fällt die Ruhe zu bewahren und in denen ich zudem bedaure, das ich nicht gut Kisuaheli spreche. Ende vom Lied, ich kaufe die Steuereinheit selber und nehme hin, das Inkompetenz und afrikanische Langsamkeit mich zwei Tage gekostet haben.

Weiter geht’s. Landy-Ersatzteile besorgen. Die soll ich möglicherweise in Soweto (Nicht das Township südlich von Johannesburg/Südafrika, sondern ein Stadtteil von Mbeya) finden, hier sind die meisten Shops für Ersatzteile. Angekommen stelle ich fest, der Stadtteil besteht nur aus Ersatzteilläden. Hunderte. Und 3-4 Schrottplätze. Ersatzteile für Landrover? Fehlanzeige. Ich sehe einen Einheimischen mit einem ziemlich coolen Defender, den quatsch ich an. Irgendwo muss der ja auch seine Teile herbekommen. Kurzer Smalltalk, ich muss nach Kabwe, andere Ende der Stadt. In Kabwe angekommen finde ich … nichts. Nicht mal Läden. Prima, da freue ich mich aber! Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten.

Ich habe jetzt die Schnauze voll, es geht zurück zu Pauly, entspannte Dusche und ein Glas Weißwein zum runterkommen.

Samstag, 30. September. Kein Fortschritt.

Sonntag, 01. September. Kein Fortschritt. Und ich habe miese Laune. Außerdem holen mich gerade Themen aus der Vergangenheit ein. Völlig falscher Zeitpunkt für Sentimentalität. Das sind diese Momente, an denen ich echt alles hinschmeißen möchte. Zudem lädt der Laptop nicht mehr, ist vermutlich das Netzteil. Was gerade mal zwei Monate alt ist.

Dritter Jahrestag

Montag, 02. September. Jahrestag. Drei Jahre in Afrika. Und Nachricht von der Werkstatt. Neuer Steuercomputer eingebaut, keine Veränderung. Jetzt schaut man sich die gesamte Benzinleitung, Pumpe, Filter, etc. an. Na gut, abwarten.

In mir reift ein neuer Plan. Die Karre verschrotten beziehungsweise in Einzelteilen verkaufen, runter nach Südafrika und nach einem neuen Offroader schauen. Habe auch schon was Bezahlbares in der Nähe von Kapstadt gefunden. Karre noch etwas ausstatten, zurück nach Tansania meine Sachen holen und dann neuen Plan machen. Könnte ein Plan sein. Ich muss mal drüber schlafen.

Dienstag, 03. September. Die Karre läuft. Springt an. Blinker geht. Vieles andere nicht. Aber ein Fortschritt. Der mich € 500,- kostet. Weil man einen Spezialisten aus Dar es Salaam brauchte, der richtig teuer ist. Bespricht man das im Vorfeld mit dem Kunden? Natürlich nicht!

Mittwoch, 04. September. Ich habe ein komisches Gefühl. Dem Landy geht es immer noch nicht gut. Das Getriebe muss auf jeden Fall getauscht werden. Die Geländeuntersetzung vielleicht auch. Jetzt reden wir über weitere 1.500,- Euro. Plus Kleinigkeiten. Plus andere Dinge, die in absehbarer Zeit erledigt werden müssen. Groschengrab. Lohnt sich das? Ich muss darüber nachdenken. Und stoppe erstmal die Arbeiten.

Aber was nun? Reparieren? Ich glaube nicht daran. Und wird teuer. Doch das Auto muss in 15 Tagen aus dem Land raus. Fahren? Unmöglich. Abschleppwagen nach Sambia? Auch keine Alternative. Den Haufen Schrott für 4.000,- USD importieren, um ihn für 3.000,- USD zu verkaufen? Wie blöd muss man sein! Wenn Ihr jetzt denkt es sieht nicht gut aus, ja es sieht nicht gut aus.

Das Teil muss weg! Irgendwie.

Donnerstag, 05. September. Ich durchdenke die Möglichkeiten. Da ist aber nichts plausibel. Wir bringen den Landy erstmal zu Pauly. Ein bisschen fahren tut er, wir versuchen steile Anstiege zu vermeiden. Aber das ein oder andere Mal geht nichts mehr … und Pauly muss die 2,5 Tonnen mit seinem kleinen Toyota RAV ziehen. Der RAV wiegt vielleicht 1,2 Tonnen, macht aber einen ziemlich guten Job der Kleine. Am Nachmittag kommt ein Freund vorbei, der auf dem Weg nach Sambia ist. „Was ist los Thomas?“. Big shit. Also erstmal die Situation erklären. Ein Telefonat, das Problem ist quasi gelöst. Der Landrover verlässt Tansania in Richtung Kenia. Gewissermaßen. Somit lautet das nächste Projekt alles in US Dollar umzuwandeln was geht. Auch das sieht nicht so schlecht aus. Doch erstmal muss das Auto über die Grenze.

Freitag, 06. September. Es ist nicht das Netzteil, der Laptop ist defekt. Irgendwas am Motherboard. In Deutschland hieße es jetzt, neuen Rechner kaufen. Hier lötet man ein bisschen an der Platine rum und versucht es zu reparieren. Schauen wir mal. Mein Computerhändler – der Lukumaster – kümmert sich darum.

Ich nutze die Zeit, um den Landrover leer zu räumen und alles verwertbare auszubauen. Was gar nicht so wenig ist.

Samstag, 07. Oktober. Partytime. Wir veranstalten ein Barbecue und haben einen bunten Mix aus Expats hier. Niederlande, französische Schweiz, Italien, Tansania, Großbritannien und ich: Deutschland. Ein entspannter Abend mit Gesprächen und Pool-Billard

Samstag, 14. Oktober. Eine ereignislose Woche. Der Kontakt, der mir mit dem Auto helfen wollte, steckt den Kopf in den Sand und ignoriert jede Nachricht. Da er zudem meine Ausrüstung kaufen wollte, gehe ich davon aus, das er das Geld nicht hat und daher das Interesse mir zu helfen auch verloren hat. Typisch Tansanier. Wenn die etwas nicht mehr interessiert oder es Ihnen nicht nützt, ignorieren sie Dich. Statt zu sagen, „Sorry, da kann ich nichts tun“ oder „Kein Interesse“. Pure Ignoranz. Eine Mentalität, an die ich mich nie gewöhnen werde. Also brauche ich einen neuen Plan.

Plan C ist schnell gefunden, wird nach kurzer Diskussion am Sonntag umgesetzt. Thema erledigt, das Auto ist außer Landes. Theoretisch. Nähere Ausführungen möchte ich mir hier sparen.

Ich bin guter Hoffnung, dass ich noch ein wenig Geld aus dem Landy heraus holen kann, das Campingzeug ist bereits verkauft. Jetzt heißt es Flug buchen, Mietwagen in Südafrika und Unterkunft organisieren. Und dann geht es mit dem Tazara Zug über die Grenze nach Sambia und weiter nach Lusaka, von wo ich nach Johannesburg fliegen werde. Projekt: Neuer Offroader.

Ja, und der Laptop? Der ist endgültig defekt und nicht zu reparieren. Aber der Lukumaster wäre nicht der Lukumaster, wenn er nicht für mich den exakt identischen Laptop gefunden hätte. Die Festplatte wird umgebaut, die chinesische Tastatur kommt weg und meine dran und es ist „mein“ neuer alter Laptop. Kosten für den neuen Rechner: € 320,-. Ich hatte geistig schon das dreifache für einen neuen Laptop eingeplant … irgendwie scheint mir dann doch die Sonne aus dem Arsch.

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