Zugegeben – es klingt jetzt nicht so aufregend. Gleichfalls sind Arztbesuche hier in Afrika doch immer etwas anders als man es aus der europäischen Heimat kennt. Und für mich als Europäer demnach auch leicht skuril. Von meinem Besuch im Mount Meru Hospital in Arusha hatte ich ja schon berichtet. Damals war ich nicht der Betroffene, aber heute ist es soweit: Thomas muss zum Zahnarzt.

Schon vor einiger Zeit habe ich eine kleine Füllung verloren. Jetzt verabschiedet sich noch eine weitere und vielleicht ist es auch ein wenig Karies. Ich habe zumindest leichtes Aua. Männer gehen halt erst dann zum Arzt, wenn nichts mehr geht. Das wäre dann bei mir heute …

Zahnarzt wo?

Es fängt schon mal gut an, ich finde auf Google keinen Zahnarzt in Kigoma/Tansania. An der Rezeption der „Hilltop Lodge“ frage ich also, ob es überhaupt einen gibt und ob man mir den Ort auf der Karte zeigen kann. Ich müsste ins Krankenhaus (Aha!), aber da würde ich lange warten, das ist nicht gut. Man ruft einen Zahnarzt an. „Ist ein guter Arzt“, versichert man mir. Also her mit dem Handy, ich versuche mit dem Zahnarzt zu sprechen. Hoffnungslos, ich kann ihn kaum verstehen, sein Englisch ist echt schlimm. Mein Kisuaheli noch schlimmer. Als übernimmt die freundliche Rezeptionistin das Gespräch. Eine Minute später erfahre ich, das Dr. Michael vorbei kommt und mich abholt. Afrikanischer Premiumservice für weiße Touristen. Und 20 Minuten später kommt Dr. Michael dann auch auf einem Boda-Boda vorbei. Wie ein Arzt wirkt er nicht, aber er hat ein Poloshirt mit der Aufschrift „International Dentist Association“ an. Na, das ist doch was.

Ich schildere das Problem, frage was es kostet. „50.000,- pro Zahn“. Und 20.000,- für das Boda-Boda ergänzt er etwas schüchtern. Passt, das sind zusammen gerade mal € 45,-. Ziemlich günstig. Also geht es in meinem Landrover in die Praxis. In dem Moment, an dem wir die Teerstraße verlassen und über eine Schlaglochpiste und durch die Hinterhöfe fahren, denke ich mir schon „Mensch, was machst Du hier?“. Aber ich habe ja keine Wahl.

Die Praxis

Es stellt sich dann als kleines, lokales Krankenhaus heraus. Dr. Michael führt mich an allen Wartenden vorbei in seine kleine „Praxis“. Acht Quadratmeter mit einem richtigen Zahnarztstuhl. Von 1982 tippe ich. Der Rest der Ausstattung hat ebenfalls den Charme der achtziger Jahre, wobei ich mir nicht sicher bin, ob es nicht vielleicht 1880 ist. Statt einer hellen Lampe über dem Stuhl gibt es einen Ventilator, er hat zwei Bohrer, ein paar andere zahnärtzliche Werkzeuge. Immerhin sehe ich keine Zange, Hammer oder einen Schraubenzieher. An der Wand Plakate die auf Kisuaheli erklären, wie man richtig Zähne putzt. Sponsored by Sensodyne.

Eine Zahnartzhelferin gibt es nicht. Ein Gerät zum Absaugen von Speichel auch nicht. Röntgengerät, Monitore, sterile Umgebung … alles Fehlanzeige. Statt der üblichen Tupfer werden Mullbinden genommen, was mir zumindest ein Gefühl von steriler Arbeitsweise gibt. Aber Handschuhe, weißer Kittel und Mundschutz müssen sein.

Wird gebohrt?

Es wird ein wenig am unteren Zahn rumgekratzt und gesäubert, dann am oberen. Da tut es leicht weh, ich tippe auf Karies und blinzele auf den Bohrer. Gibt es überhaupt Strom? Abwarten. Dann wird aber erstmal der untere Zahn zugeschmiert, verputzt, wie immer man das nennt. Vorher noch schnell den Deckenventilator angemacht, warm ist es nicht, aber vielleicht trocknet die Füllung dann schneller. Es gilt: Form follows function und das Ergebnis geht vor Ästhetik. Nicht schön, aber das Loch ist dicht. Mit diesem Licht-Ding – keine Ahnung wie das wirklich heißt – wird die Füllung ausgehärtet. Das Teil piepst aber nur, einmal kräftig schütteln, dann geht’s. Fertig.

Oben die selbe Prozedur. Gebohrt wird heute nicht. Ich frage, ob es nicht so schlimm war, ja, war nicht so schlimm. Die Antwort auf alles lautet leider immer Ja hier in Afrika. Dann wird auch der obere Zahn verspachtelt. Das gelingt schon besser und fühlt sich auch besser an. Übung macht den Meister. Gesäubert und getupft wird mit den Mullbinden, geht auch. Mund ausspülen und etwas Medizin aufs Zahnfleisch tun wird eh völlig überwertet. Und so bin ich 20 Minuten später schon fertig. Das Problem ist gelöst, wie lange wird sich zeigen.

Dieser kleine Eingriff ist vermutlich das Äußerste, was man hier machen lassen kann. Für Dinge wie Kronen, Wurzelbehandlungen oder Prothesen ist man nicht gerüstet, vielleicht auch nicht ausgebildet. Dafür wird man wohl ein paar hundert Kilometer in die nächste größere Stadt fahren müssen.

Als ehemals privat Versicherter weiß ich, das die Behandlung in Deutschland mindestens das 10-fache gekostet hätte. Es wäre etwas professioneller gewesen, ja gut. Aber im Ergebnis wäre es gleich. Nur das der Zahnarzt mich nicht zu Hause abholt und ich somit € 8,- für sein Boda-Boda oder Taxi spare …

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