Juni 24, 2021

„ … and when we sold our house in 2017, that was the first day of our freedom“.

Ein beeindruckender Satz wie ich finde. Ist leider nicht von mir, sondern von Ryan aus San Diego/Kalifornien, den ich mit seiner Frau (Freundin? Ich hab gar nicht gefragt) in Coffee Bay an der Ostküste Südafrikas getroffen habe.

Ich meine mal ehrlich, jetzt hat man sich über Jahre etwas aufgebaut, dafür vielleicht viel gearbeitet und Geld gespart. All das hat man mit Liebe und Hingabe gemacht und dann wacht man eines Morgens auf und denkt sich: Und jetzt? War das alles?

Kann passieren. Und was jetzt? An diesem Punkt führt dann ein Weg nach Links. Dieser Weg heißt „weitermachen“, im System bleiben, die Phase – so es eine ist – überstehen. Kein leichter Weg, aber meines Erachtens der leichtere. Auch der normale Weg. Ob es der bessere und glücklichere Weg ist mag jeder für sich entscheiden und letztendlich selber herausfinden. Bei mir hat der Weg nicht gut geklappt.

Der Weg nach Rechts ist wahrscheinlich um einiges schwerer zu beschreiten. Dieser Weg heißt für mich „Loslassen“. Raus aus dem System, aus dem Hamsterrad. Back to Basic? Ja, meist auch das. Er bedeutet Normen und Konventionen zu durchbrechen. Er bedeutet auch Meinungen auszuhalten, sich durchzusetzen, seinen eigenen Weg zu gehen. Und da ist dann eben auch „Das System“, welches an einem zieht, einen zurückhaben will, das einem Nachts ins Ohr flüstert „Mach das nicht“. „Das System“ sieht vertraut aus, ist vertraut. Es sind Familie und Freunde, Arbeitskollegen, Nachbarn, der gesamte „social circle“. Und irgendwann fällt dann auch der Satz aller Sätze: „Probier doch erstmal aus, ob es Dir gefällt, Du kannst ja später immer noch …“.

Aaaargh … wie mir der Satz auf den Keks geht. Habe ich in verschiedenen Situationen häufiger in meinem Leben gehört. Das ist so wie „werd doch erstmal ein bißchen schwanger, dann kannst Du immer noch schauen, ob das was für Dich ist.“.
Es geht nicht! Wenn das die Philosophie ist, sollte man es besser gleich vergessen. Ist meine Meinung.

Wo immer die Reise hingeht, man wird Ballast abwerfen müssen. Naja, nicht müssen, man tut es. Und ich meine nicht nur den Fernseher, das Sofa und die Einbauküche. Meist ist es mehr emotionaler Ballast. Veränderungen sind halt anfangs nie leicht und fühlen sich erstmal nicht gut an. Gleichfalls reist es sich besser mit leichtem Gepäck.

Und nun muss eine Entscheidung her. Hört man auf die Sirenen, die Dich wie Odyseus verführen wollen? Sie haben rationale Argumente! Ist es eine rationale Entscheidung? Oder doch mehr ein Gefühl, ein Wunsch Dinge im Leben neu zu gestalten? Nicht irrational, aber doch außerhalb dessen, was unsere westliche Gesellschaft als rational bezeichnen würde. Die Frage ist zu beantworten. Und dann ist da natürlich auch die Frage, die man sich vielleicht besonders als Deutscher gerne stellt: “Darf man das?“.  NEIN, darf man nicht, niemand macht das! Viele Grüße von „Dem System“.

NIEMAND??? Wirklich niemand? Hmmm … außer vielleicht Ryan aus San Diego, der hat`s getan. Und ich meine ein Lächeln gesehen zu haben als er sagte „ … that was the first day of our freedom“!

Das ich das mal sage … äh, schreibe. Ich habe eine Überdosis „Zivilisation“. Vier Wochen ungeplant in Pretoria, übernachten im Guesthouse, in einem richtigen Bett, mit ordentlicher Dusche, Essen im Restaurant … boah, reicht irgendwie.

Gefühlt wäre ich lieber „Verschollen“ wie Tom Hanks – mit oder ohne Wilson😉. Pretoria wie auch Jo’burg (Johannesburg) sind nicht mal in der Liste der schönsten Städte der Welt. Dafür aber bei der Kriminalität ganz weit vorne. Okay, davon bekomme ich nicht viel mit. Und natürlich hat der Südafrikaner so eine angeborene Panik vor Allem. Wenn ich mal 500 Meter zum Einkaufen gehe, kriegen die hier schon die Krise.

Aber ich muss so langsam mal wieder raus … into the wild. Ich werde schon wieder etwas fett, gut das keine Waage in der Nähe ist. Leichte Überdosis Chips, Schokolade und Gummibärchen. Ich schlafe auch irgendwie schlecht, liege oft wach. Der scheiß Tinitus ist nach rund fünf Monaten auch wieder da. Scheint mir eine Zivilisationskrankheit zu sein.

Okay, das Guesthouse ist schon echt super, das dazugehörige Restaurant auch und ich bin eh mittlerweile Teil der Familie. Alle fragen täglich wie es mir geht, was der Landrover macht, ob sie mir irgendwie helfen können. Echte südafrikanische Gastfreundschaft, tut gut! Aber es ist mir einfach zu viel Zivilisation drumherum. Ich vermisse es tatsächlich im Landy auf der Straße zu sein, Pisten zu entdecken, die unendliche Weite zu erfahren. Ich vermisse es mal wieder alleine und für mich zu sein. Klar, wenn ich die Tür zumachen habe ich das, aber auch wieder nicht. Ich meine mehr dieses „Kein Mensch im Umkreis von 100 Kilometern“ alleine sein. Die Stille, die ich in Namibia hatte (und so geliebt hatte) fehlt mir sehr.  Hier in der Stadt ist halt irgendwie alles eng, alles ist klein, alles ist so geregelt und überall ist der Sound der Zivilisation. Dolby Surround 7.1 ohne Musik dafür mit Stimmen und Geräuschen.

Putzig, das ich früher am Liebsten in Städten wie London oder New York gelebt hätte, mittlerweile aber eine Aversion gegen Menschenmassen, Städte und Ansammlungen entwickele. Vielleicht ist es aber auch nur eine Konzentration auf mich selbst, die keines sozialen Umfeldes bedarf, die die Absenz dessen sogar als positiv erachtet und neue Energie aus dem Nichtvorhandensein zivilisatorischer Einflüsse schöpft. Egozentrik als Quelle des Wohlbefindens, als neue Eintrittskarte in einen mich umgebenden gesellschaftlichen Kontext.

Es ist glaube ich das „Geregelte“, was mir – ganz platt gesagt – auf den Keks geht. Ich habe auf einmal wieder einen wenig aufregenden, standardisierten Alltag. Schreiben, Papierkram erledigen, Bilder bearbeiten und sortieren, Social Media bespaßen, Recherche für die Reise. Aber meist hänge ich ab. Hat meine Ex-Freundin an mir nicht gemocht, mittlerweile mag ich es auch nicht mehr an mir. Das Gedankenkarusell fängt an sich etwas langsamer zu drehen und das ist gar nicht gut. Es ist keine Ruhe, es kommt wieder unkrestive Lethargie auf. Höchste Zeit also wieder loszuziehen und die Energie Afrikas aufzusaugen.

Und überhaupt – Recherche? Hab ich selten gemacht, ich bin einfach losgefahren und hab geschaut was passiert. Nicht planen zu müssen ist für mich Teil der Freiheit. Die ich gerade nicht mehr habe, da ich von anderen abhängig bin. Und so warte ich Tag für Tag darauf, das die langsamste und unorganisierteste Werkstatt des Landes es mal so langsam hinbekommt, das mein Landrover wieder auf die Straße kommt. Oder wie hat es Armin von „Travelsouthbound“ ausgedrückt: „Wenn Du einen Landrover oder Mitsubishi fährst, lernst Du jede Menge tolle Leute kennen – die meisten davon sind Mechaniker“. Ich merke gerade, das ich bei dem Thema schon wieder ganz ganz schlechte Laune bekomme. Aber das ist eine andere Geschichte, die es noch zu erzählen gilt.

Ich versuche also das Beste daraus zu machen. Das gehört scheinbar zu meiner Reise dazu. Und wer will schon mit irgendeinem Travel Buddy durch unglaublich schöne und wilde Gegenden touren, wenn man doch auch in einer Großstadt gestrandet sein kann?

AAAAAAAAHHHHHHHHH … okay, jetzt mal Ende hier, sonst werde ich noch bekloppter als ich eh schon bin …

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